Kuratiorische Texte / reviews

„SMART BEINGS“ MUSA Wien 2018

„Respektlos, aber mit viel Liebe für das Material eignet sich Benjamin Nachtigall das Medium der Keramik an und erfindet eine kuriose, eigentümliche Figurenwelt. In Ausführung wie Inhalt rotzig und frech, ist diese weit entfernt von der kitschig-lieblichen Keramik des Kunsthandwerks. Die Gestalten mit Zitrone oder Artischocke anstelle eines Kopfes – gern auch zu fragilen raumgreifenden Installationen zusammengefügt – erzählen von Uniformität und Isolation in einer multimedialen Welt. Beklemmend, aber nicht ohne Humor umgesetzt, finden die Themen auch in großformatigen, surreal anmutenden Zeichnungen ihren Niederschlag.“

Günther Oberhollenzer (Kunsthistoriker, Autor und Kurator) über die Ausstellung

Benjamin Nachtigall – Smart Beings:

Wenn der Nachtigall singt

Oder wie man überzeugend mit alten Techniken neue Phänomene behandelt.


To tweet oder twittern, wie es auf Neudeutsch heisst ist nicht nur einen kurzen Text über einen Nachrichtendienst verbreiten, sondern in der ursprünglichen englischen Bedeutung auch tatsächlich singen oder zwitschern. Diese Tatsache passt nicht nur des Wortspiels wegen, sondern auch wegen der evidenten Naturbezogenheit der gezeigten Arbeiten sehr schön ins Gesamtbild der Schau.


Hier wird sehr charmant mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen Natur (es gibt wohl kaum ein natürlicheres Material als den hier mutmaßlich verwendeten Ton, der ja im wesentlichen eine Form von Erde ist) und Technik gespielt, indem humanoide Figuren nicht nur aus ihrer Umgebung herauszuwachsen scheinen, sondern auch Pflanzenteile und Früchte statt Köpfen tragen. Diese einfachen aber sehr effektvollen Figuren sind allesamt völlig versunken mit ihren Mobiltelefonen oder sonstigen Smart-Devices beschäftigt.


So entstehen architektonische Strukturen, die von diesen kleinen “Smart Beings” bevölkert sind und gleichzeitig keinerlei Interaktion zwischen ihnen erkennen lassen. Wobei zu der starken Wirkung dieser Objekte nicht unwesentlich die in den Galerieraum erweiterte Gittergerüst-Struktur beiträgt, welche einige der kleineren Objekte zu zitieren scheint und auch als Sitz oder Liege für die bereits erwähnten Figuren dient. Sehr sympathisch an dieser kritischen Auseinandersetzung mit unserer digitalen Welt ist, dass die Figuren sehr verletzlich und im besten Sinn menschlich wirken trotz oder vielleicht sogar wegen ihrer Gemüseköpfe, da diese Identifikation leichter ermöglichen als individuelle Gesichter.

Wolfgang Pichler, 12.04.18 www.artmagazin.cc